Das veraltete Wasserkraftwerk Inga I Foto: Dan Kamminga unter cc-by-sa, 2004

„Land unter“ im Kongo

In der Demokratischen Republik Kongo soll das größte Wasserkraftwerk der Welt entstehen. Für einen Bau spricht: Es könnte jährlich so viel Strom produzieren, wie 30 Atomkraftwerke. Dagegen spricht alles andere.

Der Kongo gehört zu den Anakondas unter den Flüssen. Er ist 4374 Kilometer lang und soll an vereinzelten Stellen 220 Meter unter der Meeresoberfläche liegen. Damit ist er der tiefste Fluss der Welt. Der portugiesische Entdecker Diogo Cão war der erste Europäer, der das Land und seine Urbewohner, die „Pygmäen“, zu Gesicht bekam. „nzere“ nannten die Einheimischen den Strom: „Der Fluss der alle Flüsse schluckt“.

Cão befand sich eigentlich auf dem Weg nach Indien. Die Richtung stimmte, das Gewässer nicht. Der Traum vom fernen Osten, den auch Christopher Kolumbus nie zu Ende träumen durfte, endete 1485 an den Wasserfällen von Yellala. Ausgebrochenes Sumpffieber dürfte die Reisegruppe zur Umkehr bewogen haben. Sumpffieber ist eine gefürchtete Tropenkrankheit, die durch Moskitos übertragen wird. Besser bekannt unter dem Namen „Malaria“ ist sie vor allem in Westafrika stark verbreitet. 2014 tötete Malaria 584.000 Menschen. In den letzten Jahren konnte sie aber zunehmend eingedämmt werden.

Das könnte sich im Kongo nun schlagartig ändern, befürchten aktivistische Vereine wie „Rettet den Regenwald e.V.“. Und zwar durch Pflanzen, die an der Oberfläche eines mächtigen, stehenden Gewässers verrotten. Ein El Dorado für „Mücken, die neue Brutgebiete finden. Malaria und andere Krankheiten könnten sich vermehrt ausbreiten“, heißt es auf der Homepage. Ein hypothetisches Szenario, das einen Namen hat: Grand Inga, das größte Wasserkraftwerk aller Zeiten, Verursacher eines mächtigen Stausees. Stechmücken sind dabei noch eines der geringeren Probleme.

Der dreifaltige Visionär

Schon jetzt bezieht der Kongo den Großteil seiner Energie aus Wasserkraft. Dies ist dem grausamen Diktator Mobutu Sese Seko zu verdanken, der 1997 von Rebellen gestürzt wurde. Er hatte infolge seiner gewaltsamen Machtübernahme 1965 ein korruptes System errichtet, den Staat in „Zaire“ umbenannt, bis zu fünf Milliarden Euro auf Schweizer Konten geschafft, 14.000 Flaschen Wein gebunkert und großzügige Anwesen, mitsamt Flugzeuglandeplätzen errichten lassen. Im Gegenzug beschenkte er sein hungerndes Volk mit zwei Wasserkraftwerken.

Inga I und Inga II nannten sich die Gaben. Sie entstanden im Strudel willkürlicher Hinrichtungen und falscher Kalkulationen. Teurer als veranschlagt, sowie wirkungsloser als erhofft, versickerte die anfängliche Euphorie um die Kraftwerke im nicht vorhandenen Stromnetz. „Das kongolesische Stromnetz ist auf dem gleichen Stand wie vor fast fünfzig Jahren, als die Belgier den Kongo verließen“, berichtete ein Mitarbeiter der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft SNEL. Heißt: Die Dämme erzeugen Strom für die Hauptstadt Kinshasa und ein paar wirtschaftlich relevante Kupfer- und Kobalt-Provinzen wie Katanga. Viele andere Regionen durften Kolonialisierung, Diktatur, bis hin zum Bürgerkrieg und jenem innerlich zerrissenen Land, das man heute als Demokratische Republik Kongo bezeichnet, stromfrei erdulden. Weniger als zehn Prozent der Kongolesen hat Zugriff auf Strom.

Dabei waren die ersten beiden Dämme nur das Vorspiel für den ganz großen Wurf. Grand Inga, ein riesiger Damm, der – insofern er morgen stehen würde – 22.000 Hektar Land überschwemmen und 30.000 Menschen den Boden unter den Füßen wegfluten würde. Unter Mobutu wurde das Projekt aus mehreren Gründen nach Phase 2 abgebrochen. Der sinkende Kupferpreis belastete die Staatskasse. Einnahmen sanken, die letzten Spuren einer Infrastruktur versandeten, während die Eliten des Landes ihren Lebensstil beibehielten. Und auch die Dämme entpuppten sich als wenig rentabel, was auf defekte Turbinen zurückzuführen war. Bei einer Kapazität von 1775 Megawatt produzieren sie auch aktuell nur 600.

Heute ist es nicht mehr Mobutu, der das Projekt gerne umsetzen würde. Dieser starb 1997 an Krebs. Die Zeitschrift „Spiegel“ beschrieb sein Wirken im Nachruf wie folgt: „Er kam über sein Volk wie die Dreifaltigkeit von Pest, Aids und Ebola.“ Und leistete dennoch die Vorarbeit für einen autarken Kongo, was Elektrizität betrifft? Dazu spalten sich die Meinungen. Kein anderes Land hat weltweit ein derart unerschöpfliches Potenzial, wenn es um Wasserkraft geht. Die kongolesische Regierung kann der Idee „Grand Inga“ etwas abgewinnen und hat als potenzielle Investoren die Weltbank, sowie bis zu 15 südafrikanische Staaten auf ihrer Seite. Zum Beispiel Südafrika. Gemeinsam wollen sie nun die dritte Phase des Inga-Wahnsinns umsetzen.

Von Phase 3 in neue Sphären

Auch Phase drei ist eine Vorstufe. Ein kleinerer Damm wird errichtet. Aufgestautes Wasser soll hauptsächlich in benachbarte Täler umgeleitet werden, wo es durch Turbinen fließt und später in den Hauptfluss zurückkehrt. 66 Millionen Euro stellt die Weltbank für Durchführbarkeitsstudien zur Verfügung. Der Kostenvoranschlag ergab eine Summe von beinahe 11 Milliarden. Auf seiner Habenseite hätte der Kongo dann einen Damm mit einer Kapazität von 4800 Megawatt. Die Finanzierung kann der Staat allerdings nicht alleine schultern. Deshalb wurde im Vorfeld des Projekts ein Elektrizitätsabkommen mit Südafrika beschlossen, das sich im Gegenzug an der Finanzierung beteiligt. Wird Inga III umgesetzt, ginge die Hälfte der Energie nach Südafrika.

Noch fehlt ein Unternehmen, das sich um den Bau kümmert. Bauunternehmen aus Amerika und China sind interessiert, die Durchführbarkeitsstudien allerdings noch nicht abgeschlossen. Das Bauvorhaben wurde mittlerweile auf 2017 verschoben, obwohl es 2015 hätte starten sollen. Neben Südafrika haben übrigens auch noch andere afrikanische Staaten intaktes Interesse an jener „sauberen“ Energie, die im Kongo gewonnen werden soll.  Alles in allem bezweifeln Kritiker jedenfalls, dass die neue Stromquelle dem Land den erwarteten, wirtschaftlichen Schub geben wird.

Die Oxford University nahm beispielsweise in einer Studie die Bauphasen von 265 großen Dämmen unter die Lupe. Das Ergebnis: Durchschnittlich steigt der kalkulierte Preis eines Damms um 96 Prozent. Der Zeitpunkt der Fertigstellung wird ebenfalls regelmäßig überschritten. Und zwar um 44 Prozent der eingeplanten Zeit. Ist es also sinnvoll, einen großen Damm zu errichten? „Wir finden, dass […] die aktuellen Kosten zu hoch sind, um einen Gewinn einzufahren“, meint Oxford. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass durch Inga 3 das eigentliche Großprojekt erst ins Fließen kommen würde.

Dreischluchtendamm_hauptwall_2006

Drei-Schluchten-Damm am Janktsekiang zu Ende der Bauphase Foto: Christoph Filnkößl unter cc-by-sa, 2006

Grand Inga bezeichnet einen Komplex aus mehreren, teils riesigen Dämmen, die einen Stausee verursachen würden, den Diogo Cão vermutlich für den Pazifik gehalten hätte.  Insgesamt 52 Turbinen würde dieses Ungetüm besitzen, sowie eine Kapazität von 44.000 Megawatt. Zum Vergleich: Der bisher größte Damm, die Drei-Schluchten-Talsperre im chinesischen Janktsekiang, besitzt nur die Hälfte an Kapazität. 2014 erzeugten die Chinesen damit so viel Strom, wie 15 moderne Atomkraftwerke. Damit dürfte das Potenzial von Grand Inga ausreichend beschrieben sein.

Als heißer Mitbewerber um das Bauprojekt „Grand Inga“, gilt im Übrigen „China Three Gorges Corporation“. Wie der Name bereits vermuten lässt, handelt es sich um jenes Unternehmen, dass auch den Damm in China aus dem nassen Boden stampfte. Neun Monate schneller und 50 Milliarden Euro teurer, als geplant.

Unübersehbare Risiken

Erste Schätzungen zu Grand Inga ergaben Kosten von bis zu 70 Milliarden Euro. Abseits der Diskussion um Geldgeber und Stakeholder, dürfen auch andere Bedenken nicht außen vor gelassen werden.

Wie bereits erwähnt, würden 30.000 Menschen ihr Zuhause verlieren. Ob man sie dafür entschädigen würde? Personen, die durch Inga I und Inga II heimatlos wurden, erhielten vom Staat keine Unterstützung. Abzuwarten ist auch, wie das Volk auf das Projekt reagiert. „Hoffnung bringt niemanden um.“, lautet ein kongolesisches Sprichwort. Skepsis in Bezug auf ausländische Investoren oder ausländischen Einfluss ist dennoch angebracht. Angesichts der völkerrechtlichen Verbrechen, die von Kolonialmächten im Kongo begangen wurden, dürfte das Vertrauen in den Westen nicht mehr allzu stark ausgeprägt sein. Von 1885 bis 1909 war das Land im Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. Eine rechtlich einmalige Situation, die der König ziemlich ausreizte. Er versklavte die Menschen, schickte sie auf Kautschukplantagen und wurde für die Körperstrafe „Hand abhacken“ berühmt.

Die Geschichte dieser Region ist eine endlose Talfahrt. Von Versklavung zur Diktatur, von der Diktatur in die Anarchie, von der Not ins Elend. Im „Human Developement Index“ rangiert die Demokratische Republik Kongo auf dem vorletzten Platz. Der Index berücksichtigt neben dem Bruttonationaleinkommen auch weitere Faktoren, wie die durchschnittliche Lebenserwartung. Dabei verfügt der Kongo über enorme Ressourcenvielfalt. Kobalt, Kupfer, Gold, Diamanten… Er leidet auch nicht unter Wassermangel, obwohl 51 Millionen Menschen keinen Trinkwasserzugang besitzen.

Am Ende sind Moskitos ein halbwegs geringes Problem, während der Zynismus im Kongo hohe Wellen schlägt.

Bericht von CCTV Africa, 2013:


Weiterführende Links/Quellen:

The River That Swallows All Dams

http://www.internationalrivers.org/blogs/337-4

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8779496.html

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