Tief durchatmen

Londons Luftverschmutzung führt jährlich zum Tod von 9.500 Menschen. Indem sie dies beweist, macht die Forschergruppe des King’s College ein unsichtbares Problem sichtbar.

Die Kreuzung der Shaftesbury Avenue und der St. Gilles High Street im Londoner Stadtteil Camden ist ein gefährlicher Ort. Nicht etwa wegen einer hohen Kriminalitätsrate, sondern den Gasen, die sich in der Luft befinden. Hinter dem endlosen Strom an Fahrzeugen in das Stadtzentrum, ist eine Säule an der Kreuzung der beste Beweis dafür. Sie ist eine von ungefähr hundert Messstationen, welche die Luftqualität in London misst. Ohne Dramatik kann gesagt werden: wo immer diese Stationen stehen ist die Gesundheit der Menschen gefährdet.

Oft verwechselt mit Werbesäule sind die Messstationen im Besitz der lokalen Stadtbezirke Londons. Sie messen wie viel Luftverschmutzung die Bewohner Londons täglich ausgesetzt sind. Ihre gesammelten Daten landen in den Computern der Environmental Research Group (ERG) des King’s Colleges. Unabhängig überwacht diese seit mehr als zwanzig Jahren die Luftverschmutzung der Stadt.

Überwacht und doch ignoriert?

Unübersehbar, und doch kaum beachtet – Umweltbelastung in London, die Messstation an der Shaftesbury Avenue

Unübersehbar, und doch kaum beachtet – Umweltbelastung in London, die Messstation an der Shaftesbury Avenue

Einige Minuten von der Shaftesbury Avenue entfernt, sitzt Andrew Grieve in der Kantine des King’s Colleges. Seit zehn Jahren ist Grieve im ERG verantwortlich für die Messung der Luftverschmutzung in der Stadt. „Jede lokale Stadtverwaltung hat die gesetzliche Verantwortung die Luftqualität in ihrem Arial zu überwachen“, erklärt er. Zu Beginn installiert die Stadtverwaltung Diffusionsröhrchen an verschiedenen Orten in ihrem Stadtbezirk. Dadurch erhält sie eine grobe Idee über die Luftqualität in ihrem Bezirk und kann Problemzonen erkennen. Falls die Umweltbelastung über den gesetzlichen Limits ist, werden permanente Überwachungsstationen, wie an der Shaftesbury Avenue, installiert. Diese liefern dann genaue Daten in Echtzeit und sollen so die Grundlage für Richtlinien und Strategien der Behörden sein.

Wie stark die Luft verschmutzt sein darf, wird durch Standards der Europäischen Union (EU) geregelt. Für jeden Schadstoff ist ein gewisses Maß erlaubt, das nicht überschritten werden sollte. Sollte. „Für Stickstoffdioxid (NO2), welches hauptsächlich von Dieselautos ausgestoßen wird, liegt die Grenze bei 40 Mikrogramm pro Quadratmeter. Derzeit wird dieses Limit in einem Großteil des Stadtzentrums und an einigen Straßen per weitem nicht eingehalten“, erklärt Andrew Grieve die Dimension des Problems. Seit Jahren liefert die ERG den Beweis, wie schlecht die Luft in London ist. Nüchtern und wissenschaftlich belegt.

Denn die Position der ERG ist einzigartig. Anstatt, dass wie in den meisten Städten die Stadtverwaltung die Kontrolle der Luftqualität übernimmt, sammelt, validiert und analysiert in London die unabhängige ERG die Daten zur Luftqualität. Diese Daten stellt sie dann der Bevölkerung und den Behörden transparent über zwei Apps und einer Webseite zur Verfügung. Stündlich werden diese aktualisiert. London hat somit ein Live-Update der Schadstoffe, die es einatmet.

Die unausweichlichen Konsequenzen

Die gesammelten Daten der Überwachungsstationen sind die Grundlage für die letzte alarmierende Studie des Colleges. In dieser wird wissenschaftlich bewiesen, dass jedes Jahr fast 9.500 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung sterben. In der von der Stadtverwaltung und dem Verkehrsbetrieben der Stadt beauftragten Studie fand das Institut heraus, dass die Luftverschmutzung zu Krebs, Herzinfarkten und Schlaganfällen führt. Allein in 5.789 Fällen war NO2 die Ursache.

Andrew Grieve, Forscher am King’s College in London ist positiv, dass es tiefgreifende Veränderung gibt. Auch weil kein Weg daran vorbei führt.

Andrew Grieve, Forscher am King’s College in London ist positiv, dass es tiefgreifende Veränderung gibt. Auch weil kein Weg daran vorbei führt.

Besonders interessant ist, wie die Forscher diese Zahlen belegen. Errechnet werden diese durch einen Forschungsbereich, der sich Epidemiologie nennt. „Die Vorgangsweise ist komplex. Prinzipiell werden die Fälle der Erkrankungen und Tode mit der Höhe der Luftverschmutzung verglichen. Dann werden alle Störfaktoren, wie beispielsweise Vererbungsanlagen, entfernt und die Todesraten mit der Luftverschmutzung korreliert“, erklärt Grieve vereinfacht den Ablauf der Studie, zu der er die Daten lieferte.

Schlecht gelüftet: Die Geschichte der Londoner Luft

Doch die Studie ist nur das letzte Mosaikstück eines langwierigen Problems in Londons. Das Atmen war in der britischen Hauptstadt immer mit Nebenwirkungen verbunden. Seit der industriellen Revolution hat die Stadt enorme Schwierigkeiten mit der Qualität ihrer Luft. Seit über vierzig Jahren erforscht Professor Nigel Bell vom Londoner Imperial College die Folgen der Luftverschmutzung auf ihre Umwelt. „Als ich in den 1970er Jahren zu forschen begann, waren wir hauptsächlich mit zwei Schadstoffen beschäftigt: Schwefeldioxid und Kohlerauch“, spricht Bell über die damalige Kohleabhängigkeit der britischen Insel.

Die größte Krise der Londoner Luftqualität war damals jedoch schon vorüber. Verursacht durch die extreme Kohleluftverschmutzung hatte die Smog-Katastrophe im Dezember 1952 zum Tod von tausenden Menschen geführt und schließlich im Jahr 1956 auch zum Clean Air Act, einem nationalem Gesetz zur Verbesserung der Luftqualität.

„A bloody car“ würde Prof. Nigel Bell vom Imperial College nie besitzen. In London hält er dies für Privatpersonen auch für unnötig.

„A bloody car“ würde Prof. Nigel Bell vom Imperial College nie besitzen. In London hält er dies für Privatpersonen auch für unnötig.

Als Student, kann sich Bell heute noch erinnern, wie es oft unmöglich war, aufgrund des Smogs die eigene Hand mit bloßen Augen zu erkennen. Doch der Clean Air Acts zeigte seine Wirkung: „Die Luft verbesserte sich sehr, weil sich der Kohleverbrauch veränderte und neue Formen der Kohle verwendet wurden. Jedoch stieg die Zahl der Autos und Schadstoffe wie Stickstoffdioxid und Ozon wurde plötzlich zum Problem“

Das Interesse der britischen Regierung an der Luftqualität ließ nach. „Sie sagten damals, dass es keine Probleme gäbe. Einige Wissenschaftler, auch ich, forschten jedoch schon an den Auswirkungen der Luftverschmutzung“, erklärt Bell. Schließlich, wurde der saure Regen in den 1980er Jahren zu einem dringenden Problem und Luftverschmutzung wurde wieder auf der politischen Agenda gesetzt. Mit dem zunehmenden Bedenken über den Klimawandel und die Erderwärmung war auch eine Reduktion des Kohlenstoffdioxids von größerer Bedeutung. „Eine Folge dieser Entwicklung war die Umstellung zu Dieselautos, die zwar weniger Kohlenstoff, aber dafür mehr Stickstoff ausstoßen. Heute sind sie so eines der größten Probleme für die Luftqualität in London“, argumentiert Bell.

Die Folgen eines globalen Skandals

In 2008, führte die Londoner Stadtverwaltung aufgrund der wachsenden Luftverschmutzung Stadtzonen (LEZ) ein, in denen die Emissionen niedrig sein sollten. Die Idee der LEZs ist es alte, umweltschädliche Fahrzeuge aus dem Straßenverkehr zu entfernen und Firmen dazu zu veranlassen, neuere Modelle zu kaufen, indem alte Modelle mit einer Gebühr belegt werden. Dadurch sollte die natürliche Fluktuation an Autos beschleunigt werden. Die Auswirkungen bleiben aber aus, wie eine weitere Studie der Environmental Research Group des King’s Colleges zeigt.

„Über sechs Jahre haben wir eine Studie in Schulen in den Stadtteilen Tower Hamlet und Hackney durchgeführt. Diese Stadtteile sollten stark von den LEZs profitieren. Dabei haben wir die Lunge der Kinder jedes Jahr untersucht. Wir konnten keine Verbesserung erkennen“, meint dazu Andrew Grieve vom ERG.

Was jedoch weder Grieve, noch die Stadtverwaltung wissen konnten, war, dass die neuen Dieselfahrzeuge weit mehr Stickstoff ausstießen als gedacht. „Ich war fassungslos und konnte es im ersten Moment nicht glauben“, meint Grieve heute im Nachhinein über jenen Skandal, der weltweit für dicke Luft sorgte. VW und sein Abgasskandal hatte eine direkte Auswirkung auf die Richtlinien in London. Als VW seine Tricks gestand, wusste auch die ERG, warum sich die Luftqualität zumindest teilweise nicht in dem erhofften Ausmaß verbesserte. Der deutsche Fahrzeugbauer hatte absichtlich die Abgaswerte seiner Autos manipuliert und dadurch ermöglicht, dass Autos mit einem wesentlich höheren Stickstoffausstoß in Londons LEZs fuhren.

Aber genau dieser Skandal gibt dem Wissenschaftler der ERG auch Hoffnung, dass sich nun etwas verändert und die Luftqualität auch in Londons Politik vermehrt diskutiert wird. „Dieser Skandal verdeutlicht. Wir müssen wieder von Dieselautos abrücken“, betont auch Grieve.

Ein politischer Stillstand

In naher Zukunft ist es aber auch vor allem bedeutend, dass die Dieselautos in London ihre versprochenen Standards einhalten. In fünf Jahren möchte die Stadt nämlich Ultra Low Emission Zones einführen, eine verschärfte Form der LEZ, und ihr Autoverschrottungssystem verbessern. Politisch wird die Luftverschmutzung jedoch schon vorher zumindest diskutiert werden.

In seiner vor kurzem gestarteten Kampagne für die Wahl des Londoner Bürgermeister 2016 hat der sozialdemokratische Spitzenkandidat Sadiq Khan versprochen, die Londoner Hauptstraße, die Oxford Street in eine Fußgängerzone umzuwandeln. Alle Kandidaten, auch der konservative Zach Goldsmith, haben sich zudem gegen eine dritte Start-und Landebahn am Flughafen Heathrow ausgesprochen. Durch den Ausbau des Flughafens wird befürchtet, dass sich die Luftqualität im Westen Londons weiter verschlechtern könnte. Forderungen stellen alle bekannten Kandidaten aber vor allem an die nationale Politik.

Nachdem die Limits für Stickstoff in Großstädten wie London, Birmingham, Manchester, aber auch Leeds über Jahre hinweg nicht eingehalten wurden, verurteilte das britische Höchstgericht im April in Folge eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs die britische Regierung einen genauen Plan aufzuzeichnen, wie sie die Luftqualität in dem Land verbessern will.

An der Marble Arch des Londoner Hyde Parks beginnt die berühmte Oxford Street. Berüchtigt ist sie auch für eine der höchsten Stickstoffdioxidverschmutzung der Welt

An der Marble Arch des Londoner Hyde Parks beginnt die berühmte Oxford Street. Berüchtigt ist sie auch für eine der höchsten Stickstoffdioxidverschmutzung der Welt

Im September veröffentlichte die Regierung ihre geplanten Schritte. Hauptpunkt ist ein nationales System aus sogenannten Clean Air Zones, Bereiche in denen die Luftqualität durch Maßnahmen ähnlich wie in London verbessert werden sollen. Die Verantwortung tragen dabei wiederum die lokalen Behörden.

Die Umweltorganisation Client Earth hatte dieses Gerichtsurteil initiiert. Nach einem fünfjährigen Rechtsstreit meint Jon Bennett, Pressesprecher von Client Earth, dass die Organisation weitere rechtliche Mittel zumindest überlege, da die Regierung das Urteil „ignoriere“. „Die Pläne sind lasch und versuchen nicht einmal die Probleme so schnell wie möglich zu lösen.“, spielt Bennett auf das Eingeständnis der Regierung an, dass einige Städte, unter ihnen auch London, wohl bis nach 2030 ihre Schadstofflimits überschreiten werden.

Auch für Andrew Grieve ist der Plan der Regierung, die Luftverschmutzung einzudämmen nicht ausreichend. Zwar gebe es den lokalen Behörden mehr Verantwortung, jedoch erhalten diese weder mehr finanzielle Unterstützung, noch werden ihnen mehr Rechte zugestanden. Dennoch ist Grieve durchaus optimistisch für die Zukunft: „Nach dem VW-Skandal müssen die Regierungen das Problem der Luftverschmutzung ernsthaft angehen.“ Aber dies sollte vor allem schnell gehen. Jüngst hatte die Europäische Energieagentur (EEA) festgestellt, dass in Europa aufgrund von Schadstoffen in der Luft jährlich 400.000 Menschen vorzeitig sterben.

Trotz der Hoffnung auf Veränderung lassen die letzten politischen Maßnahmen Zweifel auf einen Wechsel in der Politik aufkommen. Zwar werden in der Europäischen Union ab 2017 Dieselfahrzeuge nicht mehr im Labor, sondern auf der Straße getestet, der Grenzwert von Stickoxid (NOx) darf jedoch dann doppelt so hoch sein wie 2015. Ein unglaubliches Zugeständnis an die Automobilindustrie. Statt die eigentlichen Grenzwerte konsequenter zu kontrollieren, werden diese an die Industrie anpasst.

So wird wohl auch London seinen alten Beinnamen noch länger gerecht werden: The Smoke.

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