Tote Erde neu erwecken

Auf einem verseuchten Grundstück im Norden Amsterdams arbeitet die Gemeinschaft der De Ceuvel an Ideen für eine umweltfreundlichere Zukunft. Neue Technologien, Handarbeit und ihr Urin sollen ihr dabei helfen.

Eine Reihe kleiner Lastwagen und Autos parkt links und rechts in der schmalen Straße, die zum Ende des Johan van Hasseltkanaal in Amsterdams Norden führt. Autos hupen, Bremsen quietschen, Radfahrer schlängeln sich durch den Lärm. Am Ende der Straße verspricht ein markantes Schild Abwechslung. De Ceuvel prangt auf dem Eingangstor zu einer kleinen, natürlichen Oase Während sich die industrielle Umgebung kaum verändert hat, ist die De Ceuvel ein Beispiel, wie sie Städte in Zukunft verändern möchte.

1.250 Quadratmeter groß, war die De Ceuvel für achtzig Jahre eine Schiffswerft. Im Jahr 2000 wurde sie geschlossen. Verunreinigt durch die jahrelange industrielle Nutzung blieb das Grundstück zwölf Jahre lang ungenutzt. Schließlich organisierte die Stadtverwaltung einen Wettbewerb. Ein Team aus Ökologen und Architekten gewann und erhielt die Chance für zehn Jahre diesen Ort nach ihren Wünschen zu verändern. Die einzige Voraussetzung war, günstige Büros und Ateliers für Kulturschaffende und Start-Ups zu schaffen.

Die Erfinder der „neuen“ De Ceuvel haben sich einem klaren Prinzip verschrieben: Recycling. Mit nachhaltigen, sauberen Technologien wollen sie ihre Energie und Ressourcen wiederverwenden. Da das Geld jedoch knapp war, mussten die Pächter nach alternativen Lösungen suchen.

Ein Eingangstor, wie zu einer Festung. Auf verunreinigten Boden nachhaltige Werte eintreten

Ein Eingangstor, wie zu einer Festung. Auf verunreinigten (für) Boden nachhaltige Werte eintreten

Land in Sicht

Das zeigt sich schon an den Büros und Ateliers. Aufgrund des verseuchten Bodens war es nicht möglich ein Fundament zu gießen, auch machte der kontaminierte Boden eine Verbindung mit der Kanalisation und den Gasleitungen unmöglich. Daher wurden die Architekten erfinderisch: Sie nutzten alte Hausboote als Büroflächen.

Während es in Amsterdam teuer ist, sich einen Stellplatz am Wasser zu mieten, sind Hausboote günstig. Sie verrotten oft in Mülldeponien oder werden verschrottet. Zwischen einem und tausend Euro bezahlten daher die Architekten für ihre alten Hausboote. Renoviert, stehen sie heute auf Stelzen, fünfzig Zentimeter über den kontaminierten Boden. Darin sind Büros, in denen Theatergruppen, Dokumentarfilmer und unbekannte Start-Ups arbeiten.

Verbunden werden die Büros mit einem Holzweg aus Bambus. Teilweise geplant und gebaut wurden diese von Daan Dijkstra, dem Mitbegründer der Holzbaufirma „Logic.Works“. Seit seiner Kindheit wollte er wissen, wie die Dinge wirklich sind. Früher öffnete er den Computer mit einem Messer, heute rollen seine Finger im Hinterzimmer des Hausboots eine Zigarette mit natürlichem Tabak. Er raucht, es qualmt.

Der 34-jährige erklärt: „Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die sich von einer analogen zu einer digitalen gewandelt hat. Daher denke ich, dass die De Ceuvel eine Mischung aus beiden Zeiten ist.“ Zwar verwendet die De Ceuvel moderne Technik, wenn etwas nicht funktioniert, wird jedoch selbst Hand angelegt: „Es gibt niemanden, den wir kontaktieren können. Wir müssen es selber machen. Das ist schwer, aber es gibt uns auch Freiheit und Unabhängigkeit.“

Daan Dijkstra glaubt an die Zukunft der De Ceuvel: “Die Stadtverwaltung muss auch den menschlichen Aspekt miteinbeziehen”

Daan Dijkstra glaubt an die Zukunft der De Ceuvel: “Die Stadtverwaltung muss auch den menschlichen Aspekt miteinbeziehen”

Jede gemeisterte Schwierigkeit gibt den Bewohnern der De Ceuvel auch Selbstvertrauen. „Wir können so zeigen, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. In der Menschen grundsätzliche Tätigkeiten begreifen, selbst umsetzen und nicht bloß von sich schieben. Sie können so selbst mitbestimmen, wie ihre Gemeinschaft funktioniert“, sagt Daan und stößt eine Wolke natürlichen Rauch aus.

Nachhaltige Fäkalien

Einen Ingwer-Bananen-Apfel Smoothie trinkend, sitzt Guus van der Ven im gegenüberliegenden Café De Ceuvel. Er blinzelt. Amsterdams seltene Sonnenstrahlen scheinen auf die Solarpanels im Hintergrund.

Die Auswirkungen der Konsumgesellschaft auf die Natur veranlassten Guus dazu, nur Kleidung und Schuhe aus zweiter Hand zu tragen. Er lebt in einem Haus, das bald abgerissen wird, sitzt und isst auf Möbeln, die er selbst gebaut oder gefunden hat. Guus lebt Second-Hand. Aus erster Hand will er zeigen, dass dies mit sinnvollen Einschränkungen, aber vor allem neuen Möglichkeiten verbunden ist. Arbeiten in der De Ceuvel, betont er, ist für ihn als würde er seinen persönlichen Traum leben.

Guus ist Mitarbeiter von Metabolic, jenem Unternehmen, das für den nachhaltigen Ablauf an der De Ceuvel zuständig ist. Neben der Energieproduktion und dem Wassermanagement, gehört dazu auch das Heiz- und Abwassersystem. Jedes Büro produziert Strom durch Solaranlagen. Neben dem Stromverbrauch wird mit dem produzierten Strom auch geheizt.

„Zu viel Energie wird für das Falsche verwendet“, meint Guus van der Ven, Community-Koordinator in der De Ceuvel

„Zu viel Energie wird für das Falsche verwendet“, meint Guus van der Ven, Community-Koordinator in De Ceuvel

Außerdem besitzt jedes Haus ein Wärmeaustauchlüftungssystem. Dadurch wird über 60 Prozent der warmen Luft, die das Haus verlässt, wiederverwendet. Zusätzliche Wärmepumpen nutzen die Wärme der Luft an der De Ceuvel. Dadurch braucht die De Ceuvel gar keinen Gasanschluss.

Doch nicht nur die Luft, auch das Endprodukt der menschlichen Verdauung wird wiederverwendet. Jedes Hausboot besitzt eine Kompost-Toilette, die kein Wasser benötigt. Indem darüber hinaus das benützte Wasser der Büros wiederverwendet wird, verbrauchen die Büros deutlich weniger Ressourcen als gewöhnliche Büros in Amsterdam. Der gewonnene Kot-Kompost wird schließlich auch noch als Dünger für den Pflanzenanbau verwendet. Für Guus ist damit der Grundgedanke von Nachhaltigkeit erfüllt: Das Leben als ein Zyklus. „Wenn ich über Nachhaltigkeit nachdenke, dann spreche ich über tausende von Jahren.“

Um das zu erreichen, müsste die Gesellschaft ihre Ressourcen klüger nutzen. „Eine reguläre Toilette, wie wir sie täglich in Amsterdam sehen, benötigt Trinkwasser und Energie, gewinnt aber nicht die seltenen Stoffe, die unser Urin besitzt.“ Damit meint er: Jedes Mal wenn wir spülen, spülen wir eine Möglichkeit weg.

Urin ist einer der wertvollsten Stoffe, die unser Körper zu bieten hat. Wird der Urin nicht einfach weggespült, sondern stattdessen gesammelt, kann aus ihm, nachdem er gekocht und ihm Magnesium zugesetzt wurde, purer Phosphor gewonnen werden. Diese Substanz wird weltweit als Dünger verwendet. In ferner Zukunft könnte er jedoch verbraucht sein. Wenn wir aber aufhören zu spülen, könnte ein neuer symbiotisch ökologischer Zyklus beginnen, so Guus, und der wichtige Phosphor weiter genutzt werden

Einen halben Meter über dem Boden sind die renovierten Hausboote durch Bambuswege verbunden

Einen halben Meter über dem Boden sind die renovierten Hausboote durch Bambuswege verbunden

Rechten Winkeln, Kunst und saubere Technik

Das ist nicht das einzige Mal, dass Guus über die Quadratmeter der De Ceuvel hinausdenkt. „Auch wenn renovierte Hausboote nicht überall verwendet werden können, müssten sich Städte doch ihren eigenen Abfallstrom zu Nutzen machen. Wir müssen versuchen Dinge wiederzuverwenden. Indem wir in der De Ceuvel Nachhaltigkeit, Architektur und Kultur miteinander kombinieren sind wir ein Model für ein verschmelzendes Stadtleben“, meint Guus.

Mit einem Blick auf die unterschiedlichen Gäste im Café fährt er fort: „Wir verbinden verschiedene Interessen. Theaterbesucher kommen bei uns in den Kontakt mit verschiedenen Formen von Nachhaltigkeit. Studenten, die ein Bier im Café trinken, sehen neue Formen von Architektur und Infrastruktur. Unterschiedlichste Besucher werden mit neuartigen Formen des Stadtlebens konfrontiert.“

Um Verständnis für den neuartigen Weg zu finden, den die De Ceuvel beschreitet, musste aber auch die Gemeinschaft zuvor geschult werden. Bevor die De Ceuvel überhaupt gebaut wurde, organisierte Guus deshalb Workshops, um den zukünftigen Mietern beispielsweise das unabhängige Abwassersystem der De Ceuvel zu erklären. Dabei werden Weide und Bambus als natürliche Abwasserfilter verwendet. Würden die Mieter nicht biologisch abbaubare Seife verwenden, könnte dieser zerstört werden. Indem sie ihren eigenen Filter selbst pflanzten, sollten sie erfahren, welches Wissen und welche Arbeit nötig sind, um diese zu bauen.

Vorausschauend und doch kurzsichtig

Männer sollten sich ihrer eigenen Stärken mehr bewusst sein, aus dem Urin des Pissoirs gewinnt die De Ceuvel Phosphor

Männer sollten sich ihrer eigenen Stärken mehr bewusst sein, aus dem Urin des Pissoirs gewinnt De Ceuvel Phosphor

Pflanzen sind es auch, die den Boden zumindest teilweise säubern sollen. Deshalb wurde von den Landschaftsarchitekten Pflanzen installiert, die dem Boden die Schadstoffe von Quecksilber bis Kupfer entziehen sollen. Die ersten Ergebnisse an den sechzig Probestellen sind jedoch schlechter als erhofft. „Wir sind aber erst in der Anfangsphase“, ist Guus dennoch zuversichtlich.

Viel Zeit dies zu ändern, bleibt nicht mehr. In acht Jahren läuft der Pachtvertrag mit der Stadtverwaltung aus. „Die Grundstückspreise im Norden Amsterdams steigen rasant. Daher ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Stadt nach dem Ende des Pachtvertrages das Grundstück an Investoren verkauft“, ist Guus pessimistisch über die Zukunft der De Ceuvel.

Mit dem Geld der neuen Grundstücksbesitzer könnte die oberste, kontaminierte Schicht entfernt und anderswo entsorgt werden. „Der Treppenwitz ist, dass die Hälfte der verunreinigten Erde hier aus dem Stadtzentrum stammt. Niemand hat damals gemeint, dass dieses Grundstück noch verwendet wird. Aber wie man heute sehr deutlich sieht, ist das nicht der Fall.“

Auch wenn die De Ceuvel zu einem Auslaufmodell erklärt wird: Ihre alternativen Ideen und Wunsch smarte Lösungen zu finden leben weiter.

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