Gut genug zum Essen

Eine Milliarde Tonnen an Lebensmittel werden jährlich weggeworfen. Jede Woche rettet eine kleine Initiative in Amsterdam 250 Kilogramm davon vor dem Mülleimer. „Taste Before You Waste“ möchte zeigen, dass manches Essen besser als sein Ruf ist.

Es klimpert und scheppert. In der Küche des Veranstaltungszentrums Meevaart in Zeeburg in Amsterdams Osten laufen Köche durcheinander. Äpfel werden geschnitten, Kartoffeln geschält und Reis gekocht. Das Treiben unterscheidet sich kaum von einer gewöhnlichen Küche. Im Nebenraum essen die ersten Gäste karamellisierte Äpfel und Pfannkuchen. Es scheint beschwerlich zu sein, doch alle Arbeitenden sind freiwillig hier. Denn sie wissen: die Lebensmittel, welche sie verwenden, würden ansonsten weggeworfen werden.IMG_3388

Lily Cho ist eine der freiwilligen Köche, welche jeden Mittwoch für die Initiative „Taste Before You Waste“ Essen aus den ansonsten weggeworfenen Lebensmittel zubereitet. Als sie Humanität am Amsterdamer University College zu studieren begann, wollte sich die 20-jährige einer Gemeinschaft anschließen. Sie wurde fündig. „Ich lebe alleine in einem Studentenheim. Ich kann täglich sehen, wie viel Essen ich wegschmeißen muss“, sagt sie während sie Reis kocht.

Aber während ihre Abfälle ungenießbar sind, werden weltweit in Supermärkten Produkte weggeworfen, die noch essbar wären. So auch in Amsterdam. Aus diesem Grund hat Luana Carretto 2012 „Taste Before You Waste gegründet“. Als Inspiration diente ihr damals eine Dokumentation über Lebensmittelverschwendung. Sie wollte etwas daran ändern. In einer halben Stunde fand sie acht lokale Supermärkte, die ihr Lebensmittel zur Verfügung stellten, die sie sonst wegwerfen würden.

Mit den Symptomen das Problem bekämpfen

Seit dem schwirrt eine kleine Flotte von Rädern täglich aus, um hauptsächlich Gemüse und Obst von den Supermärkten zu holen. Mit den Lebensmitteln organisiert „Taste Before You Waste“ jeden Mittwoch ein Abendessen, wo jeder eine Mahlzeit aus sonst weggeworfenen Lebensmittel kaufen kann. Der Preis ist selbstbestimmt. Neben ihrer Arbeit mit Wohltätigkeitsorganisationen, veranstaltet „Taste Before You Waste“ jeden Freitag auch einen Lebensmittelmarkt, wo „gerettete“ Lebensmittel mitgenommen werden können, solange versprochen wird, seine eigene Lebensmittelverschwendung einzuschränken.

Sophia Bensch ist seit zwei Jahren Teil von „Taste Before You Waste“. Nachdem sie zu Beginn an den täglichen Pick-ups zu den Supermärkten teilgenommen hat, leitet sie nun mit Carretto die Initiative. „Für mich war Essen immer etwas besonders. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, wo es einfach nicht leistbar war, Essen wegzuwerfen“, sagt Sophia heute über die Gründe für ihre Engagement bei „Taste Before You Waste“.

„Unser Ziel ist es durch seine Symptome auf das Problem hinzuweisen“, meint sie. Während sie also angeblich ausgediente Lebensmittel verwenden und verschenken, will die Initiative auf das globale Problem der Lebensmittelverschmutzung hinweisen. Dabei wollen sie die Sichtweise der Menschen verändern. „Während wir die Mägen der Menschen füllen, wollen wir auch ihre Einstellung zum Essen verändern“, sagt Sophie.

Ein globales Problem, eine regionale Lösung

Sophia denkt, dass in Amsterdam tatsächlich eine Veränderung eingetreten ist. Amsterdamer würden ihre Lebensmittel anders verwenden. Grund dafür ist nicht nur „Taste Before You Waste“, sondern ähnliche Bewegungen, die den Menschen in der niederländischen Hafenstadt zeigen, wieviel Essen unnötigerweise verschwendet wird. In dem Netzwerk Food Surplus Entrepreneur Network (FSEN) können sich diese auch international verknüpfen und ihre Infrastruktur auch mit Initiativen aus anderen Ländern teilen.IMG_3382

Jeden Samstag reist die Gruppe von „Taste Before You Waste“ in einen anderen Bezirk von Amsterdam, um Essen gratis auszugeben. Die Reaktionen darauf sind immer höchst unterschiedlich: „Manchmal sind die Menschen tatsächlich irritiert, dass Essen verschenkt wird, aber manche sind auch sehr interessiert an dem Thema der Lebensmittelverschwendung. Das ist was wir wollen“, erzählt Sophie von ihrer Erfahrung von den Straßenmärkten in den Bezirken.

Während sich eine andere „Taste Before You Waste“ – Initiativen in Utrecht gebildet hat, sind in den Niederlanden noch drei weitere Ableger geplant. Dabei möchte die Organisation ihre lokale Verbundenheit erhalten: „Um das Problem der Lebensmittelverschwendung zu verhindern, müssen wir regional agieren“, argumentiert Sophia. Die viele kleine Teile würden so die große Bewegung ergeben.

„Taste Before You Waste“ ist zu klein, um das große Problem der Lebensmittelverschwendung zu lösen. Trotzdem, vielleicht gerade deswegen, bleibt die kleine Gruppe ein erster Schritt zu Lösung. Dazu meint Sophia: „Wir wollen nicht für die Menschen anonym sein. Mit dem direkten Kontakt können wir immer mehr Personen erreichen.“

Nicht nur genießbar, sondern auch nützlich

Vor allem im Alltag möchte „Taste Before You Waste“ Ratschläge geben. So auch beispielsweise wie Reste in der Küche besser verwertet werden können. Für ihre Köche ist das oft schwierig. „Die Lebensmittel erreichen die Küche jeden Mittwoch – nach dem sie von den Supermärkten abgeholt wurden – um drei Uhr. Dann beginnen wir mit dem, was wir haben, zu kochen. Um sechs müssen wir fertig sein“, sagt Elias Reinwarth. Er studiert ebenfalls am Amsterdam University College und steht in der Küche in Amsterdams Osten: „Heute hatten wir hauptsächlich Kartoffeln und Äpfel. Es ist nicht immer einfach aus den Lebensmitteln vom Supermarkt etwas zu kochen. Da muss man kreativ sein.“

Für Luca van Bambost, einem weiteren freiwilligen Koch, ist dieses Muss zur Kreativität eine Aufgabe, die er gerne annimmt. „Ich denke, Ideen zu entwickeln, wie Lebensmittel verwendet werden können, hilft tatsächlich Menschen“, ist er sich sicher, dass Initiativen, wie „Taste Before You Waste“ der Schlüssel zur Lösung des Problems der Lebensmittelverschwendung sind. „Diese Bewegungen auf andere Städte auszuweiten, könnte wirklich eine Veränderung bewirken“, sagt er, als der Reis endlich fertig ist.

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