Neues schwarzes Gold

Terra Preta, die schwarze Erde, gilt als natürliches Mittel, um den Ertrag aus Agrarflächen zu steigern und die Klimaerwärmung einzuschränken. Ein kleines Tiroler Familienunternehmen möchte diese besonders fruchtbare Erde weiterverbreiten.

Man kann nur vermuten, wie begeistert der US-amerikanische Naturwissenschaftler Herbert H. Smith war, als er im Jahre 1878 eine Entdeckung machte. In seinem Buch „Brazil, the Amazons and the Coast“ berichtet der Amerikaner aus dem Amazonasgebiet vom überwältigten Pflanzenwachstum durch das „schwarze Land“, die Terra Preta. Es wird wohl die gleiche Begeisterung gewesen sein, die heute in den Augen von Caroline und Julian Pfützner zu sehen ist, wenn sie ihre Schwarzerde begutachten.

Es regnet in Strömen auf einem Hügel im bergigen Tirol. Von dem Haus der Pfützners überblicken der Vater und seine Tochter den kleinen Ort Schwendt, der an der Grenze zu Deutschland liegt. Vor dem Haus der Familie liegt ein großer Garten. Über hundert Quadratmeter ist seine Anbaufläche groß. Unter Plastikplanen auf dem grünen Rasen liegt der schwarze Schatz der Familie. Die Terra Preta, eine besonders fruchtbare, nährstoffreiche Erde, die aus dem portugiesischen übersetzt „schwarze Erde“ bedeutet. Wie damals Smith, erkannten auch die Pfützners das Potenzial der Schwarzerde.

Als die Eltern von Caroline vor Jahren nach Schwendt kamen, um ihren Großvater zu pflegen, war der Garten des Hauses über Jahre brach gelegen. „Das Unkraut ist nur so gesprossen“, sagt Caroline heute, die mit ihren Mann Cyril Marcelin und zwei Kindern im nicht weit entfernten Kössen wohnt. Um wieder etwas anbauen zu können, haben die Pfützners die oberste Schicht des Gartens ausgehoben. Doch trotz zahlreicher Versuche etwas anzubauen, blieben sie erfolglos. Deshalb erkundigten sie sich und stießen auf die Methode der Terra Preta.

Die Wiederentdeckung der Erde

Die Geschichte der Terra Preta beginnt nicht mit der schwarzen Tinte des Wissenschaftlers Smith, sondern tausende von Jahren früher. Indios im Amazonasgebiet waren die Ersten, welche die Terra Preta produzierten. Wissentlich oder aus Versehen, das ist nicht endgültig geklärt, jedoch packten die Indios ihre Abfälle, Fäkalien, die Holzkohle und Tonscherben in Tontöpfe, die sie dann in der sonst unfruchtbaren Erde vergruben. Unter Luftverschluss vererdete dieses Gemisch dann zu Terra Preta. Die schwarze Erde, wie sie später von den portugiesischen Eroberern genannt wurde, verschwand jedoch mit ihrer Namensgebung in der Kolonialzeit. Erst in den 1990er Jahren wurde sie wieder von Archäologen entdeckt und erforscht. Das Geheimnis hinter ihrer Produktion wurde schließlich erst vor kurzem wieder gelüftet.

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Jungunternehmerin Caroline Pfützner in dem Garten ihrer Eltern

Dass die Terra Preta der Indios heute noch besteht, liegt an dem Hauptbestandteil der Erde. Die Holzkohle, heute oft Pflanzenkohle genannt, entstand früher bei den Indios als Abfall beim Kochen. Heute wird sie in Pyrolyseanlagen produziert. Dabei wird Holz bei 400 bis 800 Grad Celsius verkohlt. So entsteht eine schwarze Kohle, während die überschüssige Energie aus der Produktion genutzt werden kann. Im Boden ist die Kohle dann ein idealer Lebensraum von Mikroorganismen. Sie speichert nicht nur Nährstoffe und Wasser, sondern bindet auch Kohlenstoffdioxid (CO2). Aber vor allem ist sie gereift zur Terra Preta ein Ersatz für künstlichen Dünger.

Bei der Schwarzerde wird auch Biomasse, sprich Gartenabfälle und Küchenreste hinzugemischt. Dies war auch einer der Hauptgründe, warum die Pfützners mit der Terra Preta begannen. „Das schlagende Argument für uns war, dass wir keine Chemie brauchten und noch dazu unsere Abfälle wiederverwenden konnten“, sagt Caroline mit einem Blick auf den Garten.

Gemeinsam mit Gesteinsmehl wird bei der Produktion der Terra Preta, dann die Biomasse samt Pflanzenkohle in einem Stapelkompost fermentiert. Bei der Fermentation werden unter der Zugabe von Effektiven Mikroorganismen (EM) die Produkte in dem Kompost nicht zersetzt, sondern in einen anderen Stoff umgewandelt. Dies geschieht unter Luftabschluss. „Das ist wie beim Sauerkraut und dem Weißkohl. Nach der Fermentierung hat das Sauerkraut auch mehr Vitamin C als der Weißkohl vorher. Das ist bei unserer Erde auch so“, erklärt Caroline. Sechs bis neun Monate dauerte es damals bis die Erde fertig war.

Jeder Ansatz ist anders

Weltweit gibt es mittlerweile viele unterschiedliche Ansätze bei der Terra Preta Produktion. Der Biologe Hans-Peter Schmidt versorgt im Schweizer Wallis einen Weinberg mit Terra Preta und gilt als einer der Pioniere bei der Nutzung der Schwarzerde. Ebenso wie der Bodenwissenschaftler Haiko Pieplow, aber auch der deutsche Unternehmer und Gärtner Joachim Böttcher, der sich seine Methode der Terra Preta – Produktion patentieren ließ. Eine äußerst umstrittene Aktion, die Böttcher gegenüber der taz damit erklärte, dass er die Methode durch „Trittbrettfahrer oder Hygieneprobleme“ nicht in Verruf bringen lassen möchte. Auch will er dadurch sicherstellen, dass Kommunen in Zukunft an Großprojekten mit Terra Preta beteiligt sein werden. Die Kritik bleibt trotzdem.

Auch Julian Pfützner hält fest, dass es für die Terra Preta keine „Rezeptur“ gebe. Die entstehende Branche unterscheidet er zwischen „Idealisten und jenen, welche die Terra Preta vor allem kommerziell nutzen  wollen.“ Sich selbst zählt er zu ersteren. „Unser Ziel ist es die Idee der Terra Preta zu verbreiten und davon leben zu können.“

Denn als die Pfützners ihren Garten mit der Schwarzerde umgestalteten, war der Erfolg groß. Als auch die Erträge über die nächsten Jahre gleich hoch blieben, gründete Cyril Marcelin, der Ehemann von Caroline die Terra Tirol KG. Jedoch: „Die Unternehmensgründung war wie eine Geburt. Schmerzhaft, doch wir freuen uns jetzt über das Kind“, sagt Julian Pfützner über die zahlreichen Auflagen der Behörden bei der Unternehmensgründung. So wollte Marcelin gemeinsam mit Caroline, Julian und dessen Frau Christine, die Erde im Garten der Pfützners produzieren. Doch dieser musste zuerst aufwendig umgebaut werden. Eine Sickergrube wurde installiert, damit etwaige Flüssigkeiten nicht in das Feld des benachbarten Bauern flossen. Zudem wurden benötigten Maschinen angeschafft. Durch die Kompostwendemaschine konnte so die Produktionsdauer auf drei bis vier Monate verkürzt werden.

Julian Pfützner

Julian Pfützner

Obwohl es in Österreich nicht möglich ist, seine Erde als Bio zu zertifizieren, geben die Pfützners darauf Acht, dass sämtliche verwendeten Stoffe von biologisch produzierenden Betrieben stammen. Für etwaige Kleingärtner, die den Pfützner-Marcelins nacheifern wollen, bieten sie ein Starter-Set an. Eine Mischung kann gemeinsam mit Abfällen zu eigener Schwarzerde gemacht werden. Für die Zukunft wollen die Pfützners ihre Bekanntheit weiter steigern, den Online-Shop ausbauen und Vorträge auf Messen oder in Landwirtschaftsschulen halten. Ihr Wissen über die schwarze Erde ist mittlerweile enorm, ihr Enthusiasmus ist noch größer. „Wir lernen täglich neues dazu“, so Julian.

Eine bodenständige Lösung

Auch über das kleine Schwendt hinaus, wird die Terra Preta, vor allem ihr Hauptbestandteil, die Pflanzenkohle, als mögliche Teillösung zur Bekämpfung des Klimaerwärmung und der Hungerkrisen gesehen. Für einen großflächigen Einsatz der Pflanzenkohle in der Landwirtschaft ist diese jedoch noch zu teuer. Ihr Nutzen wäre aber enorm. Nicht nur bleibt das Kohlenstoffdioxid für tausende von Jahren im der Kohle gespeichert, zusammen mit der Terra Preta könnten auch chemische Dünger unnötig gemacht werden. „Die Terra Preta ist voll im Trend, im Moment vor allem noch bei Kleingärtnern“, sagt Julian Pfützner. Doch nicht nur er, sondern alle vier Unternehmer hoffen, dass sich dieser Trend weiterverbreitet

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