Ein Rule breaker

Für die „größte Geschichte der Welt“ hat Alan Rusbridger die Idee des unabhängigen, objektiven Journalismus begraben. Bei den Erdgesprächen im Wiener Museumsquartier erklärte er warum für den Kampf gegen den Klimawandel Journalismus alleine zu wenig ist.

Vor dem Ende seiner Zeit als Chefredakteur bei der britischen Tageszeitung The Guardian saß Alan Rusbridger zu Weihnachten am Kaminfeuer „emittierte CO2“ und dachte über seine journalistische Karriere nach. Sein Resümee war selbstkritisch. Obwohl die Zeitung unter ihm die Snowden-Dokumente veröffentlichte, fünfmal mit dem British Press Award ausgezeichnet und zu einem globalen Aushängeschild für Qualitätsjournalismus wurde, hatte Rusbridger das Gefühl zu wenig über „the biggest story in the world“, den Klimawandel, berichtet zu haben. Er wollte das ändern.

Rusbridger ist ein journalistischer Visionär. Im digitalen Zeitalter – „der größten Erfindung seit dem Buchdruck“ – erkläre nicht der Journalist dem Publikum die Welt. Stattdessen entwickelt das Internet laut Rusbridger einen neuen Dialog zwischen dem Leser und den Journalisten. Das Publikum und der Autor tauschen sich aus, definieren was sie nicht wissen und was sie noch wissen sollten. Der digitale Wandel habe die Wand zur Redaktion eingerissen. Gleichwertig sitze der Leser dem Journalisten gegenüber. Ob in den Kommentaren oder mit dem Content, dem er Medien zur Verfügung stellt, der Leser sei Teil des journalistischen Produkts.

Glenn Greenwald, jener Kolumnist und Blogger, der Edward Snowdens Dokumente für den Guardian veröffentlichte, ist eigentlich Anwalt und Datenschutz-Aktivist. Er hatte „keine Ahnung vom Journalismus“, als er zu bloggen begann. Nur durch ihn konnte der Guardian die NSA-Dokumente publizieren. Snowden hatte das Gefühl mit Greenwald die gleichen Visionen einer freien Gesellschaft ohne staatliche Massenüberwachung zu teilen. Seit Jahren hatte Snowden Greenwalds Arbeit verfolgt. „Greenwald ging nicht nachdem er den Artikel veröffentlichte nach Hause oder ins Pub. Er machte sich einen Tee und begann mit seinem Publikum über seinen Text zu diskutieren“, sagt Rusbridger heute.

Rusbridger mag „Rule breaker“. Auf der Bühne des Saals E im Wiener Museumsquartier stehend, die Scheinwerfer auf ihn gerichtet, spricht er zu Beginn über Freda Meissner-Blau. Die ehemalige Grünenpolitikerin und Ehrenpräsidentin des Neongreen Networks – der Veranstalter der alljährlichen Erdgespräche – ist im Dezember des letzten Jahres verstorben. In der Hainburger Au hatte sie mit dem allgemeinen Bild einer Politikerin gebrochen. Heute brechen Greenwald, aber auch Rusbridger mit dem Ideal der Journalisten.

In dem Selbstverständnis der US-amerikanisch geprägten journalistischen Berufsbezeichnung steht der Journalist über den Dingen. Aus einer Schwebe wachend soll er dem Publikum ein objektives Bild der Ereignisse vermitteln, strikt getrennt vom Meinungsartikel. Doch nicht nur Greenwald hat daran Zweifel. In einem Gespräch mit dem ehemaligen Chefredakteur der New York Times, Bill Keller, definiert Greenwald sein Berufsbild. Er ist für einen ehrlichen Journalismus, der seine Meinung offenlegt und mit vollem Herzen vertritt. Es kann nicht falsch sein, für seine Anschauungen einzustehen, wenn dies faktenbasiert und zuverlässig geschieht. Denn „jeder Journalismus ist Aktivismus“, so Greenwald.

Drei Zahlen, zahllose Scheine und scheinbare Reserven

Für Alan Rusbridger hat dieser herkömmliche Journalismus bei dem Thema Klimawandel „versagt“. In der berühmtesten Zeitung der USA, der New York Times, war die „größte Gefahr für die Menschheit“ 2014 nur dreimal auf dem Titelblatt. In vielerlei Hinsicht widerspricht der Klimawandel den gängigen Auswahlkriterien der Medien.

Das Klima ist nicht unmittelbar erlebbar. Es ist ein schleichender Prozess, der nicht mit der schnellerwerdenden Nachrichtenwelt vereinbar ist. In Zeiten der wirtschaftlichen Krise ist es für die Medien schwierig, jene Redakteure zu finanzieren, die das nötige Fachwissen haben um über die Komplexität des Klimawandels zu berichten. Nach Jahren der politischen Untätigkeit sind viele in dem Glauben an die Unlösbarkeit der epochalen Aufgabe, die Energiegewinnung und Verkehr zu revolutionieren, erstarrt. Jene, die den anthropogenen Klimawandel bestreiten, werden vom Journalismus künstlich in der Diskussion gehalten. Einerseits um Konflikte zu konstruieren, andererseits aus dem Grund der vorgeschobenen Objektivität. Zurückbleibt ein Publikum, dass nur in Zeiten der internationalen Klimagipfel und in speziellen Ressorts mit der Realität des Klimawandels konfrontiert wird. Wie kann dieser Teufelskreis gebrochen werden?

Schluss mit verschwommenen Bildern - Alan Rusbridger will klar und deutlich auf die Gefahren des Klimahandels hinweisen

Schluss mit verschwommenen Bildern – Alan Rusbridger will klar und deutlich auf die Gefahren des Klimahandels hinweisen

Im Jahr 2014 hat Rusbridger den ehemaligen New Yorker – Journalisten Bill McKibben getroffen. Auch McKibben verzweifelte an der journalistischen Gewohnheit sein Publikum durch klassische Berichterstattung über die Gefahren des Klimawandels zu sensibilisieren. Doch er wurde aktiv. Als Aktivist wurde ein Artikel im Rolling Stone Magazin zum Gründungsdokument seiner Bewegung 350.org. In dem Beitrag definierte McKibben drei Zahlen: um die Erderwärmung unter 2 Grad Celsius zu halten, dürfen nur 565 Gigatonnen an CO2 emittiert werden. Die Bestände an Kohle, Öl und Gas auf dem Blauen Planeten sind jedoch ein Äquivalent zu 2.795 Gigatonnen an Kohlenstoffdioxid. Ein enormer Unterschied, der zeigt, dass Fossile Brennstoffunternehmen falsch beurteilt werden. Ihre Vorräte dürfen nicht verbrannt werden. Dadurch sind die Unternehmen deutlich weniger wert als sie aktuell an den Börsen gehandelt werden – ein schlechtes Investment, sozusagen.

Dies ist der Grund, warum Bill McKibben mit seiner Bewegung 350.org Investoren weltweit dazu aufruft, dass Geld von Fossilen Brennstoffunternehmen abzuziehen. Einige Pensionsfonds und Universitäten folgten bereits und „divestierten“. So auch die Guardian Media Group, die wie viele Pensionisten oder Kirchenangehörige ihr Geld nicht in Kohle-, Öl und Gasfirmen sehen wollen – wenn auch häufig nur indirekt in einem Fond. Mittlerweile gibt es in fast jedem Land eine Divestment-Bewegung nach dem Muster von 350.org. Auch in Österreich ist eine Gruppierung im Entstehen.

Ein neuer bodenständiger Journalismus

Mit dem Gefühl, dass der Journalismus über Jahrzehnte sein Publikum nicht nachdringlich genug mit den Gefahren des Klimawandels konfrontiert hatte, wollte Rusbridger in den letzten Monaten seiner „Amtszeit“ beim Guardian einen neuen Weg beschreiten. Angesichts des Erfolgs von McKibben verknüpfte er dessen Historie und verband für den Gurardian Journalismus mit Aktionismus. Er gründete die „Keep it in the ground“-Kampagne. Mit dieser wollte der Guardian die Wohltätigkeitsorganisationen Bill & Melinda Gates Foundation und den Wellcome Trust dazu bewegen ihr Vermögen aus der Fossilen Brennstoffindustrie zu ziehen.

Natürlich gab und gibt es Widerstand in der Redaktion. Viele Journalisten hatten ein anderes, „herkömmliches“ Verständnis ihrer Profession. Die Diskussionen dazu veröffentlichte der Guardian in einem Podcast. Gemeinsam mit erfahrenen Kampagnenarbeitern wurde an einem Programm gebastelt. Schließlich startete der Guardian seine Kampagne. Am 6. März 2015 veröffentlichte Rusbridger zwei Monate vor seinem Rücktritt den Guardian in einem doppelseitigen Werbesujet eingepackt. „Es gab keine Möglichkeit für unsere Leser an unserer Botschaft vorbeizukommen“, spricht Rusbridger bei den Erdgesprächen über den Kampagnenstart.

Weder die Gates Foundation, noch der Wellcome Trust haben heute divestiert. Doch hinter der Kampagne des Guardians steht heute eine große Masse an engagierten Unterstützern. Gemeinsam wurde ein Videoaufruf an Bill Gates produziert. Mittlerweile hat die Kampagne ihren Fokus auf die Solarenergie gelegt. Rusbridger bezeichnet den Guardian als Mittelpunt einer „journalistischen Revolution“.

In einer unsicheren Zukunft bleiben viele Fragen offen

Ein Schwall der Zustimmung ebbte Alan Rusbridger nach seiner Rede entgegen. Doch wie ist seine Neudefinition des Journalismus einzuordnen? Es verwundert wenig, dass Rusbridger einen Saal an interessierten Zuhörern begeistern kann. Zweifelslos bedarf es mehr Handlungen der Politik um die Folgen des menschengemachten Klimawandels einzudämmen. Es ist auch verständlich, dass Klimajournalisten nach Jahren der politischen Untätigkeit und geringen medialen Beachtung frustriert sind.

Doch bedarf es nicht in Zeiten, in denen die Gesellschaft auseinander driftet, einen Journalismus, der faktenbasiert, unaufgeregt berichtet – eine Meinung hat, doch diese nicht vor sich herträgt, sondern sie zurückstellt für die Geschichte, die er erzählen möchte? Ist das Überzeugen durch Fakten, bloßen Fakten, einem Medienauftritt mit Kampagne gewichen? Ist der Journalismus, der Gegenmeinungen aufzeigt, Brücken baut und so weitreichende Fakten schafft, out-of-date? Wozu bedarf es denn einer Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus?

Der Klimawandel ist ein Fakt. Auch wenn Republikaner in den USA oder Kohle-gesponserte Wissenschaftler aus Deutschland Gegenteiliges behaupten, es gibt ihn und er ist zu einem Großteil von Menschen gemacht. Nachdem er in den 1980er Jahren mediale Aufmerksamkeit erhielt, wurde dieses wissenschaftliche Faktum politisiert. Wirtschaftliche Interessen und politische Apathie haben dazu geführt, dass kaum Handlungen gegen den Klimawandel unternommen wurden. Angesichts der schwerwiegenden Folgen, welche der Klimawandel mit sich bringen kann, ist es unbestritten, dass es tiefgreifende Veränderungen benötigt. Jeder Journalist, der sich mit dem Klimawandel beschäftigt, ist sich dessen bewusst. Zu Handlungen aufzurufen, kann daher auch als natürlich, ehrlich und wichtig bezeichnet werden.

Wie ist das schwierige Thema Klimawandel richtig journalistisch darzustellen? Diese Frage reicht über den Guardian hinaus. Stirbt das Ideal, die Fata Morgana des unabhängigen Journalisten, der seine Meinung zurückzustellen versucht? Wird in Zukunft die öffentliche Debatte durch Einzelpersonen geformt werden, mit klaren offengelegten Meinungen? Diese Fragen sind nicht neu – doch kaum eine Zeitung wie der Guardian hat derartig offen diese Regeln gebrochen. Damit hat Alan Rusbridger die Tür für alternatives journalistisches Arbeiten weit aufgestoßen. Ob man will oder nicht, man wird sie nicht mehr schließen können.

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