Faire Konkurrenz

Rund acht Milliarden Euro investiert Österreichs Bevölkerung jährlich in Bekleidung. Verschwindend klein ist daran der Anteil an bio-fairer Mode. Doch der Markt wächst und mit ihm der Wettbewerb. Ein Straßenbericht.

„Kleidung hat sich zu einem Wegwerfprodukt entwickelt“, sagt Thomas Trummer. Er sitzt auf einem Tisch und blickt auf die Kirchengasse in Wiens siebtem Gemeindebezirk. Trummer ist in der zweiten Etage von Zerum, einem Geschäft für fair produzierte Mode. Seit mehr als einem Jahr hat das steirische Unternehmen in der Wiener Kirchengasse eine Filiale. Hell beleuchtet hängen spärlich T-Shirts an den Wänden, auf Tischen stapeln sich in der Mitte Jeans und Pullover. Das 250 Quadratmeter große Lokal wirkt noch größer als es ist. Zwischen den Tischen und Regalen ist viel Platz. Weniger ist mehr, auch bei der Einrichtung.

Rund ein Viertel seines Sortiments produziert das Modestart-up aus Graz fair und biologisch selbst in Europa. Die restlichen nachhaltigen Modeprodukte bezieht das 2009 gegründete Unternehmen von verschiedenen fair produzierenden und lokalen Designerlabels. „Wir wollen zeigen, dass nachhaltige Mode gut aussieht“, sagt Trummer. „Für mich ist aber klar, dass dem eine faire Produktion vorausgehen muss.“

img_5157Es häufen sich Nachrichten über katastrophale Arbeitsbedingungen, Umweltschäden oder genveränderte Baumwolle in Monokultur im Rahmen der konventionellen Bekleidungsproduktion. Trauriger Höhepunkt war der Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes in Bangladesch vor mehr als drei Jahren bei dem 1.100 Menschen starben. Seit fünf Jahren beschäftigt sich Nunu Kaller für die Umweltschutzorganisation Greenpeace mit nachhaltiger Mode: „Die Aufmerksamkeit wächst, das Angebot wird größer – ich bin optimistisch“, erklärt die Campaignerin. Noch sei der kleine Markt für nachhaltige Mode in Wien hauptsächlich auf den siebten Bezirk und die Kirchengasse konzentriert. Doch Kaller hofft, dass sich das langsam ändern wird.

Bereits 2011 hatte eine Studie des Meinungsforschungsinstituts OGM ergeben, dass zwei Drittel der Österreicher faire Arbeitsbedingungen und Umweltaspekte in ihre Kaufentscheidung miteinbeziehen. Für Kaller ist dies nur bedingt entscheidend: „Das ist zu hoch, dabei spielt die soziale Erwünschtheit sicher eine Rolle“, ist sie skeptisch.

Tatsächlich meldet der Verein Fair Trade Österreich, der das Fair Trade Siegel vergibt, dass 2015 fair produzierte Baumwolle im Wert von rund 10,43 Millionen Euro verkauft wurde. Das waren sieben Prozent des 185 Millionen Euro Umsatzes aus verkauften fairen Produkten in der Alpenrepublik.

Erreichbarkeit von Alternativen und nicht zuletzt die Preisfrage halten viele vom Kauf ab. „Das Ziel muss es aber sein, weniger und besser zu konsumieren“, meint Kaller. „Eine bio-faire Unterhose für 20 Euro ist teuer. Aber das ist der reale Preis der Ware, wenn jeder davon leben soll“, sagt sie.

Seit fast zehn Jahren ist Nura Kassoume mit ihrem Fair Trade-Kleidungsladen in der Kirchengasse. In den letzten Jahren habe sich die Straße entwickelt und das positiv, sagt die 37-jährige: „Viele Geschäftslokale waren leer, nun ist es ein Kommen und Gehen.“

Alle vimg_5173on ihr verkauften Labels habe sie persönlich ausgewählt, viele der Produzenten hat sie besucht, nicht alle sind unabhängig als „fair“ zertifiziert. Teilweise würden sich die Designer den teuren Zertifizierungsprozess nicht leisten können, andere würden zusätzlich mit konventioneller Bestandsware arbeiten. Hauptsächlich generiert Kassoumes „Aurin Spaceland“ Einnahmen durch Stammkunden und Touristen, die durch Reiseführer in der Kirchengasse landen.

Sie merkt, dass es in den letzten Jahren mehr Anbieter gibt: „Ich sehe sie nicht als Konkurrenz, mir ist es wichtig, dass der Grundgedanke von nachhaltiger Mode weitergetragen wird“, erklärt sie. Dennoch sei ihre finanzielle Lage angespannt. Mehr als eine geringfügige Hilfskraft zur Entlastung kann sie sich nicht leisten.

Ähnliches berichtet Lisa Muhr. Für die Co-Gründerin des nachhaltigen Mode Labels „Göttin des Glücks“ ist in den letzten Jahren zwar das Angebot an bio-fairen Mode-Produkten größer geworden, nicht aber zwangsläufig die Kundschaft: „Wir wollen raus aus der Nische. Aber für bio-faire Anbieter gibt es nur einen begrenzten Kundenstamm. Wir haben das an unseren Verkaufszahlen gemerkt“, sagt Muhr.

Aus einem Projekt mit Freunden 2005 entstanden, produziert „Göttin des Glücks“ ihre Kleidung in Indien und Mauritius. Der Arbeitsprozess ist durch das Global Organic Textile Standard-Siegel (GOTS) und Fairtrade zertifiziert, seit 2006 kooperiert das Unternehmen mit EZA Fairer Handel, der größten österreichischen Importgesellschaft für Produkte aus fairem Handel. „Unsere Kosten für die Arbeitskraft sind bei einem T-Shirt mit sechs Prozent sechsmal höher als bei konventionellen Kleidungsproduzenten“, erklärt Muhr.

Im Wiener Geschäft von „Göttin des Glücks“ in der Kirchengasse sitzt Matthias Klein hinter der Kassa. Vor zwei Jahren ist der Mitarbeiter von einem herkömmlichen Mode-Geschäft in den kleinen Laden der „Göttin des Glücks“ gewechselt: „Hier zu arbeiten, entspricht mehr meiner Persönlichkeit“, meint Klein. Halbjährlich erstellt das Unternehmen eine „Gemeinwohl-Bilanz“, in dem sich die Firma nach ökologischen und sozialen Aspekten analysieren lässt. Der Unterschied zu seinem vorherigen Arbeitsplatz ist für Klein der Umgang mit den Kunden, die er als „Göttinnen“ bezeichnet.

Doch auch das Kundenprofil ist ein anderes. „Bei unseren Preisen gibt es kaum Gelegenheitskäufe“, meint Klein. Das sei gewollt, da Kunden bewusster einkaufen sollen. Aber für nachhaltige Modeunternehmen ist es auch schmerzhaft.

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